Die schützende Hand

by schreiblockade on 7/01/2012

Neujahr 2012, irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr morgens. Ich bin verdammt glücklich, denn in meiner rechten Hand liegt die meines Freundes. Wir kommen von einer schönen Silvertserfeier bei Freunden und könnten eigentlich die fast leeren Straßen Bielefelds genießen. Aber mein Puls geht nicht so ruhig, wie er eigentlich sollte, meine Augen verfolgen den Weg vor uns, beobachten jede Hausecke und blicken auch mal hektisch zurück. Wir sind eben doch nicht so alleine, der Westen und die Innenstadt spucken weitere Heimgänger wie uns aus den Häusern und Diskotheken. Und jeder, der mein Gesichtsfeld betritt, wird ad hoc in eine Schublade gepackt: Gefahr oder nicht.

Ich hab genug Geschichten gehört, von verliebten schwulen Pärchen, die die falsche Straße benutzen und zusammen geschlagen wurden. Ich erinnere mich an einen (leider nicht mehr online zu lesenden) Blogbeitrag von Henning, der in Dortmund ebenfalls das Vabanquespiel zwischen offener Zärtlichkeit und Sicherheit spielen musste. Und das Kopfkino spielt Filme ab, in denen ich nicht in der Lage bin, das zu schützen, was mir gerade sehr lieb und teuer ist.

Ich habe bisher Glück gehabt, ausser einem älteren Herren, der mal an die Scheibe eines RE klopfte, als ich meinen damaligen Freund am Bahnhof zur Begrüßung küsste, habe ich keine Homophobie erlebt. Aber die Angst läuft wohl noch eine ganze Zeit mit mir mit und da tut es gut, dass mein Freund stark genug ist, mir weiterhin die Hand zu halten und klug genug, im richtigen Moment loszulassen – solange es denn sein muss. Denn auch wenn ich guter Dinge bin, dass “wir” bald im Gesetz keine Diskriminierung mehr ertragen müssen, bis ich durch die Strassen gehe und keine Angst mehr habe, wird es wohl länger dauern.

dominic.hallau@me.com

There is 1 comment in this article:

  1. 24/01/2012pillenknick says:

    Dito. Auch wenn ich irgendwie die latente Neigung habe, mich dann doch nicht umzuschauen. Bisher ging es gut. Die Sorge bleibt – und hoffentlich bald werden wir dann nachts sorgenlos leben können.

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